26. März 2014

Die gefährlich-sinnlose Vitamin-Schwemme


Endlich mal wieder ein kritischer Artikel nicht nur in Fachkreisen, der sich mit dem Wahnsinns-Geschäft der künstlichen Vitaminzufuhr auseinandersetzt. Hier einige Auszüge:

Vitamine sind die Stars der Lebensmittelindustrie. Sie sind fast überall drin, auch da, wo man sie nicht vermutet. Vitamin C wird in großen Mengen hergestellt und vielfach genutzt: Als Konservierungsmittel, um Lebensmittel länger haltbar zu machen, und als Antioxidans, damit Wurst und Fleischwaren frischer aussehen. Außerdem auch als Zusatz zu Mehl, damit Brot und Brötchen luftiger wirken und größeres Volumen erhalten, und als Farbzusatz, damit Tiefkühlpommes beim Aufbacken gelb und knackig werden. Der Industriebedarf an Vitamin C wird hauptsächlich von  Herstellern in China gestillt. Die Jahresproduktion beträgt etwa 100.000 Tonnen und erfolgt unter anderem mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen.

Dass ausgerechnet Vitamin C dennoch einen so guten Ruf hat und als gesund gilt, hat viel mit Mythos und Marketing zu tun. Was in natürlicher Form in gesunden Lebensmitteln vorkommt, lässt sich auch als attraktiver Zusatz von der Lebensmittelindustrie vermarkten. Die Ernährungsexpertin Annette  Sabersky kritisiert die industrielle »Übervitaminisierung«. Sie sieht darin einen »Trend zur  Denaturierung unserer Nahrungsmittel«, der mit gesundheitlichen Risiken einhergeht.


Tatsache ist, dass die Werbung für Nahrungsergänzungsmittel mit »lebenswichtigen Vitaminen«, »wertvollen Mineralien« und »gesunden Spurenelementen« ein großes Geschäft ist. Ältere Menschen sind besonders gute Kunden. Synthetische Vitamine  sind billig und industrietauglich. Während natürliches Vitamin C in Obst und Gemüse durch Lagerung und Reifung abgebaut wird, ist das wasserlösliche, kristalline Industrie-Vitamin (Ascorbinsäure) lange haltbar und leicht zu verarbei-
ten. Und es ist mittlerweile unschlagbar billig: Die von der DGE genannte Tagesdosis von 100 Milligramm Vitamin C kostet in der industriellen Produktion nur rund 0,1 Cent. Die Gewinnspanne ist beträchtlich: In Apo-theken kostet eine Tagesdosis je nach Präparat bis zu 50 Cent, also 500 Mal mehr als der Herstellungspreis.


»Die meisten Menschen brauchen solche Präparate jedoch nicht, weil eine ausgewogene alltägliche Ernährung sie mit allem Notwendigen ausreichend versorgt«, meint die Stiftung Warentest. Vitaminbefürworter sehen das anders. Einzelne Mediziner gehen so weit, synthetische Vitamine in hoher Dosierung als Wundermittel anzupreisen. Tatsächlich aber weisen immer mehr medizinische Untersuchungen in die andere Richtung. Neue Studien [Anmerkung: und auch gar nicht so neue!] kommen zu dem Ergebnis, dass Vitaminzusätze in den meisten Fällen keinen Nutzen bieten und sogar ein Risiko für die Gesundheit darstellen.

Die starken Vitaminzusätze sind nicht etwa gesund, sondern eher gefährlich. Für gut ernährte Menschen haben die üblichen Mineral- und Vitaminergänzungsmittel keine Vorteile, sondern eher
schädliche Wirkungen, fasste der Leiter der Studiengruppe, Dr. Eliseo Guallar, die Ergebnisse in den »Annals of Internal Medicine« zusammen. Andere Studien untersuchten die Frage, ob Multivitaminpräparate über einen längeren Zeitraum die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigern oder Schutz vor einem Herzinfarkt bieten könnten. Sie kamen ebenfalls zu negativen Ergebnissen. 


Frühere Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass das Provitamin Beta-Carotin und die Vitamine E und A in hoher Dosierung schädlich sein können und das Sterblichkeitsrisiko erhöhen. Vitaminpräparate können auch schaden, ein Nutzen ist selten nachweisbar. Sie hält den Glauben
an eine segensreiche Wirkung der Vitaminzusätze für »einen Irrtum der Medizingeschichte.


Laborvitamine sind den natürlichen Vitaminen deutlich unterlegen, meint Annette Sabersky. Es sei davon auszugehen, das Obst und Gemüse nicht wegen einzelner Substanzen gesund sind, sondern weil sie eine ausgewogene Mischung vieler Stoffe enthalten.
(zum ungekürzten Originalartikel als pdf hier)

Fazit: 
Eine Verbesserung der Vitamin- und Mineralienversorgung ist nur durch eine hochwertige Ernährung möglich! Im Allgemeinen genügt eine ausgewogene Ernährung:
  1. vielfältig essen, regionale und saisonale Lebensmittel bevorzugen
  2. hohe Qualität der Lebensmittel statt minderwertige Industrieprodukte bevorzugen,
  3. Obst und Gemüse bei allen drei Mahlzeiten des Tages.

In besonderen Lebenssituationen werden bestimmte Vitamine verstärkt benötigt. Diese lassen sich über folgende Lebensmittel decken:

  • Stubenhocker, Pflegebedürftige und Darmerkrankte, Einnahme der Antibabypille:
    Vitamin D wird normalerweise vom Körper selbst gebildet, wenn die Haut ausreichend Sonnenstrahlen abbekommt. Täglich 15 Minuten Sonnenschein auf Gesicht und Hände reichen. Über die Ernährung ist es leicht zu decken über Fleisch, Fisch, Eigelb, Butter, aber auch in Kohl, Nüssen und Sonnenblumenkerne. (Überdosierung ist gefährlich!)
  • Jugendliche und Senioren sowie Menschen mit Osteoporose-Risiko haben einen höheren Calcium-Bedarf. Gedeckt wird er v.a. über Nüsse und Kerne (Sonnenblumen, Mandeln), alle grünen Blattgemüse, Kohl und Kohlrabi, Datteln und Rosinen, Hülsenfrüchte, Algen und Kurkuma. (Milchprodukte bringens übrigens nicht entgegen der alten, hartnäckigen Werbung!)
  • Bei Schwangeren und Stillenden ist der Vitalstoffbedarf erhöht. Besonders wichtig ist Folsäure, die sich beispielsweise in ungekochtem Gemüse und Salat findet, außerdem Vitamin D, Calcium, Eisen und Jod.
  • Frauen in der Menopause haben öfter einen erhöhten Bedarf an Vitamin B. Wer sich vegan oder vegetarisch ernährt, braucht unter Umständen mehr Vitamin B12 und Eisen.
    Die grosse Familie der B-Vitamine müssen täglich und gemeinsam zugeführt werden, denn sie wirken nur in Wechselwirkung. Mageres Fleisch und Vollkornprodukte, frisches Gemüse und frischer Salat (vorsichtig waschen!) und evtl. etwas Bierhefe-Flocken versorgen ausreichend.
  • Raucher haben oft einen niedrigeren Vitaminspiegel. Zu bedenken: Nikotin und Alkohol sind ohnehin schon ungesund, eine zusätzliche Vitamin-Überdosierung macht die Sache nicht besser und kann das Krebsrisiko sogar noch steigern!
  • Bei Ernährungsproblemen und extremen Diäten kann es Mangelerscheinungen geben. Hier hilft keine Pille, sondern nur die (unbequeme) Änderung der Enährungsgewohnheiten!