18. Mai 2022

Es ist Sommer!

 

Die drei Sommermonate Mai, Juni und Juli werden durch die Energie des Feuers belebt. Sie stehen in Zusammenhang mit Wachstum, Blüte und Reifen. Das Herz-Qi ist erfüllt von Feuerenergie, die uns aktiv sein lässt, uns nach draussen treibt, Kontakt und Kommunikation erleichtert.

(Photo von Arkadius Neumann, Pixelio)

Sommerhitze, aber Kälte-Durchfall

Wenn die Sommerhitze ihren Höhepunkt erreicht, neigt das Verdauungssystem leicht zu Erkältung. Die äussert sich oft in Form von Durchfällen. Typisch passiert das auf Reisen, meist durch (eis-)kalte, gesüsste Getränke. 

Während dieser Zeit ist es sogar besonders ungünstig, einen solchen Kälte-Durchfall zu bekommen, weil der Körper damit wertvolles Yin-Qi verliert. Denn das Yin-Qi ist gerade zur Kühlung des Organismus wichtig. Kommt es zu einem solchen Durchfall, sollte keinesfalls mit ausleitenden Massnahmen therapiert werden. Stattdessen kommen besser schweisstreibende Kräuter zum Einsatz. 

Noch besser ist natürlich, damit zusammenhängende Symptome ganz zu vermeiden, in dem gerade während der Sommerhitze bewusst wärmende Speisen gegessen und kalte Getränke gemieden werden. Auch sehr Yin-reiche Nahrungsmittel, wie Auberginen und Rohkost, essen wir nur in kleinen Mengen. 

Das Herz beruhigen

Fast noch wichtiger ist es zur Sommerzeit, seine Atmung zu regulieren und das Herz zu beruhigen. Die Vorstellung von Eiskristallen in Herz oder Magen würden eher die Hitze dort richtig aufflackern lassen, statt sie zu vermindern.

So regt die eiskalte Dusche bei Hitze die Blutzirkulation an. Danach wird einem nach der ersten Abkühlung eher noch wärmer. Es ist keineswegs so, dass heisse Dinge immer die Hitze fördern.  Eine lauwarme Dusche dagegen kühlt sanft und beruhigt.

Zugluft erzeugt "Wind in den Leitbahnen"

Der Kopf ist der Treffpunkt aller Yang-Leitbahnen. Deshalb sollte er vor allem vor Windeinfluss gut geschützt werden. Im Schlafzimmer sollten wir Zugluft über dem Bett, v.a. am Kopfende vermeiden, um gesund zu bleiben. Meiden wir vor allem den eiskalten Wind, den Klimaanlagen in den Raum pusten, gerade im Autto oder am Arbeitsplatz.

Während der Sommermonate ist es förderlich, täglich 100-200 Male die Kopfhaut zu bürsten. Hierbei sollten wir eine gute Bürste verwenden, um die Kopfhaut nicht zu verletzen, ausserdem sollten wir das an einem windstillen Platz machen. 

Diese einfache Technik vertreibt Wind aus den Leitbahnen und klärt die Augen. "Wind in den Leitbahnen" erzeugt z.B. Symptome,  die wir modern z.B. als Heuschnupfen und Allergien bezeichnen.

Wind-Invasion 

provoziert ausgesprochen unangenehme Symptome. Wenn sich jemand nach einem kalt-kühlenden Abendessen mit verschwitztem Körper an einem ungeschützten Ort zur Nachtruhe begibt, entstehen leicht Syndrome durch Wind-Blockade mit Taubheitsgefühlen in Armen und Beinen, Sprachstörungen, und Lähmungen (westlich-modern sprechen wir von  Schlaganfallgeschehen, Neuralgien, etc). 
 
Natürlich bekommt nicht jeder gleich diese Symptome. Eine Person ist anfälliger, einem Anderen scheint dies nichts auszumachen. Eine Erklärung dafür... (Den kompletten Artikel hier weiterlesen...) 
 

Basierend auf Heiner Frühaufs englischer Übersetzung des Klassikers von Gao Lian, Zunsheng bajian, "Eight Pieces On Observing the Fundamental Principles of Life" 

27. April 2022

Schuhe für gesunde Füße

 Was macht einen gesunden Schuh aus?

Was unsere Füße wirklich brauchen, sind also Schuhe, die eher aussehen wie Entenfüße. Viel Platz für den Vorderfuß und die Zehen in der sogenannten Zehenbox. Sie haben keinen Absatz, dafür eine weiche, flexible Sohle. So fühlen sich die Füße wie barfuß und können sich natürlich in ihrer Motorik bewegen.

Doch Vorsicht:
wer sich die ersten echten Barfußschuhe zulegt, sollte sie allmählich eintragen. In den ersten Tagen reichen 1-2 Stunden Tragedauer. Selbst das kann zu Muskelkater in den Zehen und der Fußmuskulatur führen. Auch die Sehnen müssen sich erst dran gewöhnen. Manchmal braucht es eine Anpassungszeit von mehreren Wochen und Monaten.

Barfuß-Schuhe

sind nicht immer Barfuß-Schuhe. Manchmal verbirgt sich unter dem Begriff ein normaler Schuh, beworben vom Hersteller zum Tragen ohne Socken... Fa. Merell vertreibt z.B. die Serie "glove", die jedoch nur für sehr schmale Füsse geeignet ist.

Viele "echte" Entenfüße fallen längst nicht immer als solche auf, wie die dänischen Öko-Klassiker der Fa. Duck-feet. Ein Sonderling auch unter den Barfüßlern sind sicherlich die (von mir so geliebten) Vibram-Five-Finger-Schuhe. Hier hat jeder Zeh seine eigene Box. Das sieht nicht nur lustig aus, sondern fördert vor allem sehr intensiv die Beweglichkeit des Fußes.

Echte Barfußschuhe zeichnen sie sich immer aus durch:

  • eine breite Zehenbox, in der auch Platz für die Zehen bleibt, wenn sich bei Belastung natürlich auseinander spreizen.
  • (alternativ für jeden Zeh eine eigene Box)
  • eine sehr flexible, relativ dünne Sohle
  • kein Absatz
  • atmungsaktives Material

Barfußschuhe findet man in speziellen Schuhgeschäften, meist nicht ganz billig. Fa. Leguano hat z.B. mittlerweile recht viele Filialen, auch in NE, D, KR. Andere Hersteller sind z.B. Fa. Wildling, Feelgrounds, Vivobarefoots. Gerade bei den teuren macht Sinn, verschieden Typen und Größen im Vergleich anzuprobieren.

Günstige Modelle, gerade auch für schnellwachsende Kinderfüße, hat Fa. Saguaro und Ballop. Es lohnt sich auch nach reduzierten Modellen Ausschau zu halten.

(Noch mehr gute Infos zum Vertiefen gibt es in diesem Artikel vom Outdoor-Spezialisten Fa. Bergzeit.)

 

Was Füße brauchen...

... ist Barfußlaufen

Damit es dabei auf kalten Böden keine Eisfüße gibt, und damit wir uns nicht an Scherben etc. verletzen, brauchen wir Schuhe.  

Schauen wir uns doch mal unsere Fuß an, wenn er barfuß auf dem Boden steht. Er ist vorne an den Zehen breiter als im Mittelfuß und an der Ferse. Doch fast alle Schuhe laufen nach vorne spitzer zu.

Die meisten Schuhe sind eine Zumutung für die Füße

Die Zehen werden vorne mehr oder weniger massiv, aber fast immer zusammengedrängt. Selbst Turnschuhe haben eine deutlich zulaufende Schuhspitze. Nicht ganz so einquetschend, aber durchaus beengend wirken sogar die meisten konventionellen Socken, die vorne ebenfalls enger zulaufen.

98 Prozent aller Menschen kommen mit gesunden Füßen zur Welt, aber nur noch 40 Prozent haben gesunde Füße, wenn sie erwachsen sind, laut Dr. Kinz. Der Sportwissenschaftler hat sich an der Uni Salzburg mit dem Thema Kinderfüße und -schuhen beschäftigt. Auf vergleichenden Röntgenbilder eines Kinderfußes sieht man sogar einen deutlichen Unterschied nur durch einen normalen Socken! Selbst der weiche Socken zwängt die Zehen sichtbar zusammen.

Gelenkschmerzen, Muskelverkürzungen, Durch-blutungsstörungen und Probleme mit dem gesamten Bewegungsapparat von Fuß bis Nacken sind die Folgen. 

Fehlkonstruktion

Ein einfacher Test zeigt uns, wie fehlkonstruiert die meisten Schuhe für unsere Füße sind. Wir können die lose Innensohle aus dem Schuh rausnehmen und auf den Boden legen. Oder wir drehen einfach den Schuh um. Dann stellen wir unseren nackten Fuss drauf. Wetten, dass ein Teil des Fußes seitlich übersteht? Schlüpfen wir in diesen Schuh hinein, werden die Zehen ordentlich eingequetscht.

Das englischsprachige Video eines Kollegen aus Übersee beschreibt es sehr anschaulich:


Ein mieser Absatz

Über die ungesunde Wirkung des Absatzes habe ich bereits schon einmal einen Beitrag geschrieben. Er heisst nicht umsonst "Absatzschuhe, der erste Schritt auf dem Weg zu Rücken- und Kopfschmerzen". Mit Absatzschuh ist kein hochhackiger Pump gemeint, sondern sogar der flache Turnschuh mit kleinem Keilabsatz!  

Einlagen, meist nur eine teure Auslage ohne Sinn

Haben wir schon Fußbeschwerden, bekommen wir vom Orthopäden manchmal Einlagen verschrieben. Die machen es selten besser, aber oft schlechter. Denn einerseits werden die in die gleichen ungesunden Schuhe eingelegt. Die bereits degenerierte Muskulatur wird durch die Einlage keineswegs trainiert und gefördert. Im Gegenteil, die Schwäche wird verstärkt.

Flip = mieser Flop

Mit dem Sommer beginnt die Flip-Flop-Saison. Leider sind die ein totaler Flop. Schön ist zwar der Platz für die Zehen. Aber leider muss bei jedem Schritt der Fuss krampfhaft den Schuh festkrallen, damit das Ding nicht verloren geht. Für den Fuß und die Wade wird jeder Schritt ein Krampf.

Das gleiche Problem haben auch viele Riemchensandalen und "Gesundheitsschuhe". Gute Zehensteg-Schuhe, wie z.B. von Fa. Birkenstock,  werden deswegen über einstellbare Riemchen fixiert.

Regeneration der Füße

Das Gute ist, dass auch die Füße zur Regeneration fähig sind. Jeder Schritt mit anatomisch korrektem Ablauf bringt den Fuß wieder zur Gesundheit zurück. Selbst ein schon verknöchert-verformter Hallux kann sich manchmal durch Training einer guten Fußmotorik, gerade auch mit und "Abstandshaltern", plus gutem Schuhwerk (teil-)regenerieren. Ein OP wird dann sogar oft unnötig.

5-Zehenspreizer aus Silikon (z.B. "Relax" Fa. Credo, über DM) kosten wenig und entspannen, dehnen und stimulieren behutsam die Zehen. Auch hier reagiert jeder Fuß anders. Für manche entlasten die Spreizer sogar beim Gehen und vermindern Reibung und Scheuern bei jedem Schritt im Alltag. 

Manche Füße haben anatomisch wenig Platz zwischen den Zehen, die durch den Spreizer stark gedehnt werden. Dann sollte auch der Spreizer anfangs nur kurzzeitig getragen werden. Die Tragedauer sollte dann nur allmählich gesteigert werden. 

Zehensocken wirken ergänzend sanft, aber umso effektiver im Alltag. Auch sie sorgen für mehr Abstand zwischen den Zehen. Anfangs ungewohnt, bringen diese Socken mehr als nur einen lustigen, ungewohnten Anblick. Leider sind sie meist recht teuer. Wie wäre es mit selberstricken? Hier gibts die Anleitung!

Was macht also einen fußgesunden Schuh aus?

Was unsere Füße wirklich bauchen sind Schuhe wie Entenfüße. Viel Platz für den Vorderfuß und die Zehen in der sogenannten Zehenbox. Sie haben keinen Absatz, dafür eine weiche, flexible Sohle. So fühlen sich die Füße wie Barfuß und können sich natürlich in ihrer Motorik bewegen.

Doch Vorsicht: wer sich die ersten echten Barfußschuhe zulegt, sollte sie allmählich eintragen. In den ersten Tagen reichen 1-2 Stunden Tragedauer. Selbst das kann zu Muskelkater in den Zehen und der Fußmuskulatur führen. Auch die Sehen müssen sich erst dran gewöhnen. Manchmal braucht es eine Anpassungszeit von mehreren Wochen und Monaten.

 


14. März 2022

Lesetip: Seven Life Lessons of Chaos

 

Der Physiker  F. David Peat und der Journalist John Briggs sind ein bewährtes Gespann, um schwierige Theorien anschaulich zu erklären. Ihr Klassiker ist "Die Entdeckung des Chaos: Eine Reise durch die Chaos-Theorie", Erstveröffentlichung 1989. Für mich war dieses Buch der Grund, die Fachrichtung Strömungslehre und dynamische Systeme zum Schwerpunkt zu machen. 

Bis heute beschäftige ich mich damit, nun am dynamischen System Mensch. Denn die Chinesische Medizin hat all die Phänomene bereits vor 2000 Jahren ebenfalls sehr anschaulich beschrieben.

Seven Life Lessons of Chaos:
Spiritual Wisdom from the Science of Change

ist 1999 zuerst erschienen. (Es gab sogar eine deutsche Übersetzung, "Chaos - Abschied von der Sehnsucht, alles im Griff zu bekommen", die nur noch antiquarisch erhältlich ist. Das amerikanische Original liest sich jedoch auch für Laien gut.) Auch dieses Buch hat nichts an Aktualität verloren.

Die Autoren übertragen konsequent die Prinzipien der Chaosforschung in die Alltagswelt. Sie beschreiben sehr anschaulich, wie die Welt der modernen Rationalität versucht, die Kontrolle um jeden Preis zu bewahren. Doch wir alle haben oft genug erfahren, wie wenig das gelingt. Wir erleben es im Privaten. 

Wir erleben es in der Wissenschaftswelt. Denn sogar die Chaosforschung ist nichts anderes, als die Suche, die Sucht, die versteckten Gesetzmässigkeiten und Regeln zu entlarven, die uns helfen sollen, das Unvorhersehbare vorauszusagen. Doch das Chaos bricht keineswegs aus, es bedroht keineswegs unsere ordentliche, strukturierte Alltagswelt. Schöpferisches Chaos ist der Normalzustand. Wir leben mittendrin im Ozean des chaotischen Lebens, auch wenn wir auf winzigen Inselchen der Ordnung sitzen.

Wir erleben es noch mehr in der Medizin, wie wenig Kontrolle wir selbst über unkomplizierte Symptome haben. Denn Heilung ist etwas anderes, als Kontrolle zu bewahren. Symptome fordern uns auf, offener und flexibler zu werden und gewohnheiten zu verändern. Das bedeutet, uns auf Chaos einzulassen, statt es vehement abzuwehren. 

Die letzten Blog-Beiträge als Zusammenfassung in meinen Worten gaben schon einen Vorgeschmack auf die Lektüre. Es lohnt sich zu lesen, auf den Sätzen rumzukauen, darüber nachzudenken, sich im Alltag zu beobachten und neue Wege zu entdecken:

If you have ever felt your life was out of control and headed toward chaos,science has an important message: Life is chaos, and that's a very exciting thing!

In this eye-opening book, John Briggs and F. David Peat reveal seven enlightening lessons for embracing the chaos of daily life.

Be Creative:
engage with chaos to find imaginative new solutions and live more dynamically

Use Butterfly Power:
let chaos grow local efforts into global results

Go With the Flow:
use chaos to work collectively with others

Explore What's Between:
discover life's rich subtleties and avoid the traps of stereotypes

See the Art of the World:
appreciate the beauty of life's chaos

Live Within Time:
utilize time's hidden depths

Rejoin the Whole:
realize our fractal connectedness to each other and the world

Life is impossible to control - instead of fighting this truth, Seven Life Lessons of Chaos shows you how to accept, celebrate, and use it to live life to its fullest.

 

Shui dao, der Weg des Wassers

 

Wir brauchen schöpferisches Chaos!

Die erste Lektion, die uns die Romantiker hinterlassen haben, lautet, dass wir alle Zugang zum kreativen Chaos haben. Wir alle sind in der Lage, unser Ego für eine Weile sterben zu lassen und in die Tiefen des Chaos zu tauchen, aus dem ständig neue Formen und Strukturen heraufsprudeln.

Die größte Leistung unseres schöpferischen Intellekts erbringt er keineswegs in Kunst oder Wissenschaft. Sie liegt in der alltaglichen Kunst des spontanen Handelns, mit der wir unsere Gesellschaft zusammenhalten. Doch im Gegensatz zu diesem Satz fühlen sich die meisten von uns eben nicht kreativ. Die meisten blocken die schöpferischen Aktionen ständig ab. Wir verlieren uns selbst in unserer Obsession nach Kontrolle und Macht; in unserer Angst vor Fehlern; lassen uns vom Ego fast erwürgen; trauen uns nicht aus der Bequemlichkeit der Komfortzone; einen Genuss nach dem anderen abgestumpft konsumierend. 

Das ist alles andere als ein Zustand von Freiheit und Wahrheit!

Doch sobald wir unseren Blick weiten, öffen für die Welt jenseits der Scheuklappen, erleben wir die Wahrheit, werden wir schöpferisch und frei. Hier finden wir unser wahres Selbst.

Shui dao, der Weg des Wassers

So wie Wasser sich mäandernd seinen Weg durch die Landschaft sucht und  schafft; wie es sich den Gegebenheiten anpasst; die großen Felsbrocken umfliesst, die kleinen Steine zu seinem Bett verschiebt und die weiche Erde formt - das ist der Schlüssel!

Schöpferische Aktivität macht sich zunutze, was verfügbar ist. Es organisiert sich selbst, passt sich an wie Wasser. Das müssen wir Menschen lernen.

Meist lassen wir diese schöpferische Würdigung der Lebenskraft nur dann zu, wenn in unserem Leben enorme Unsicherheit überhand nimmt. Doch sie existiert in jedem Moment. Wir können jetzt sofort sterben und loslassen: all die Vorurteile, mechanischen Verhaltensweisen, die Isolation, das uns teuer gewordene Ego, unser Welt- und Selbstbild, die Vorstellung von unserem Leben und der Zukunft.

Was für die Raupe das Ende der Welt bedeutet,
ist für den Rest der Welt ein Schmetterling. (Laozi)

Dann, nur dann, kann im Prozess des natürlichen Stirb und Werde etwas Neues wachsen, vielleicht eine Überraschung, sogar etwas Einzigartiges. Doch darum geht es nicht zwingend. Tatsächlich braucht Kreativität das  Eintauchen in das Chaos, um etwas Bekanntes wiederzuentdecken.  Plötzlich erkennen wir im Alltäglichen die Wiederkehr von neuen Möglichkeiten, die Frische jeden Morgens, die wir schon so lange nicht mehr wahr genommen haben.


Kreativität im Fluß des Chaos

 

Menschen, die sich in kreativen Bereichen engagieren, unterscheiden sich von den meisten Menschen ihrer Gesellschaft in ihrer Haltung gegenüber Fehlern, Irrungen und Wirrungen, Chancen und Scheitern. Der Grund ist ihre Bereitschaft, eher sogar ihre Sehnsucht ins Chaos des Lebens einzutauchen.

Jeder Künstler kennt den entscheidenden Punkt, wenn sich im wohlorganisierten Schaffensprozess plötzlich eine Weggabelung ergibt, ein Fehler, ein Tropfen Farbe daneben ging: ein Moment, ein Samenkörnchen  der Wahrheit, die sich verstärken kann. Dann beginnt eine Entwicklung der Arbeit in eine Selbstorganisation. Dann entsteht ein ganz anderes Ergebnis, als wenn unsere gewohnte Haltung gegenüber Fehlern und Missgeschicken uns in Scham oder Kontrollsucht  festhalten.

Dann kommen wir in Fluß im Schaffensdrang, in dem das normale Selbstbewusstsein sich auflöst, als raum- und zeitlose Phase der reinen Vertiefung in den Prozess, die uns geschieht, mit intensiver Klarheit über jede Aktion ohne jewede Angst vor dem Scheitern. 

Dies beschreibt das Yijing als qian, das Kreative. Hier begegnen wir wieder dem Bild des himmlischen Drachen, voller elektrischer Ladung, mit dynamischer Wucht und Macht wie ein Gewitter. Im Kommentar wird qian beschrieben: "Diese Energie ist grenzenlos im Raum und drückt sich als Bewegung aus."

Sich dem Fluß des Lebens hingeben, offen, ohne Begrenzung:

Genau das braucht ein Künstler. Um diese Offenheit zu bewahren, bedient er sich der poetischen und literarischen Metaphern, der Ironie, der Mehrdeutigkeiten -- eben all den Techniken, die einen Leser so nerven, der nach klaren Antworten sucht, der eine eindeutige Moral erkennen will, der Sicherheit braucht.

Das ist der Unterschied zwischen dem realitätsgetreuen, detaillierten Photo eines Seerosen-Teiches  und dem impressionistischen Gemälde eines Monets. 

Le bassin aux nymphéas, Claude Monet (gemeinfrei)


Das Gemälde ist unscharf, es spiegelt die Stimmung und die erzeugten Emotionen des Malers  wider, die ihm wichtiger als Details sind. Doch welche braucht er, um den Sinn auszudrücken? Welche lenken den Blick des Betrachters nur vom Wesentlichen ab?


Die Macht unserer Kreativität

Um das Leben zu userem persönlichen Meisterwerk zu gestalten, brauchen wir die Kraft der Kreativität. Bei diesem Wort denken wir meist an die Arbeiten von Künstlern, Malern, Bildhauer, Musiker, Schriftsteller. Wir meinen ein Künstler müsse immer etwas Neues, nie da gewesenes erschaffen.

Die Kreativität der Natur

Im antiken China waren die mystischen Drachen das Sinnbild für kreative Macht. Auf dieser antiken Zeichung erscheint der der Hüter des kreativen Chaos aus einem Wirbel in den Wolken.

 

Ausschnitt aus Neun Drachen von Cheng Rong (public domain)
 

Heutzutage repräsentiert die moderne Chaosforschung die Kreativität der Natur. Sie versucht zu beschreiben, wie die Natur neue Formen und Strukturen hervorbringt, aber ebenso ihre Unordung und Unvorhersehbarkeit.

Für uns menschliche Tiere auf Mutter Erde bedeutet Kreativität über das hinauszuwachsen, was wir wissen - oder meinen zu wissen. Wir sollen die Wahrheit erkunden, die dahinter steckt. Und genau hier kommt das Chaos hereingeschwappt.

Meist erzeugen die Denkgewohnheiten, unsere Konditionierungen, Domestizierungen, die angenommenen Wahrheiten über unser "Wissen" über Gott und die Welt in Wirklichkeit eine Menge Verzerrungen, Illusionen und Selbsttäuschungen. Noch wichtiger, all die Meinungen und "Fakten" verbergen die tiefe, echte Wahrheit über unsere individielle Erfahrung des Lebens in dieser Welt.

Doch was ist Wahrheit? 

Allein diesen Begriff authentisch zu verwenden, fällt uns schon schwer. Viele Menschen meiden ihn lieber. Zu oft wurde eine Wahrheit fanatisch aufgezwungen, die sich letzlich als falsch herausgestellt hat. Wieviele Leben haben diese Dogmen schon gekostet und kosten sie immernoch... 

Die Wahrheit, die wir hier meinen, die kann von niemandem aufgezwungen oder besessen werden. Es ist keine fixierbare Tatsache, sie ist nicht statisch, kann nicht in Worten beschrieben, nicht durch Logik abstrakt erdacht werden. Wir können ihr nicht zustimmen oder sie gar ablehen. 

Diese Wahrheit hält uns zusammen. Jeder von uns muss für sich selbst herausfinden, welche Bedingungen und Regeln die Wahrheit für das persönliche Leben stellt. Chaos und Wahrheit sind miteinander verbunden. Leben wir mit kreativen Zweifeln und mit unseren Unsicherheiten, dann betreten wir  die Welt des schöpferischen Chaos von Mutter Erde. Dort entdecken wir die Wahrheit des Universums, des dao, das nicht mit Worten zu beschreiben ist. 

Dann betreten wir die Welt der langen, dunklen Nacht der Seele, reisen wir wie die Helden alter Mythen in die wilden Lande, begeben uns auf Visionssuche in Dunkelheit, Chaos, begenen dem Tod, den Göttern und verborgenen Mächten. Genau so beschreiben die meisten alten Kulturen die Reise durchs Leben zur Heilung, zur Ganzwerdung, zur Weisheit. 

Dazu müssen wir lernen loszulassen: 

Nämlich gewohnte Denkstrukturen hinter uns lassen. Wir begeben uns ins Neuland, damit eine schöpferische Regeneration, Neugeburt unseres Selbst möglich wird.