21. September 2026

Gedanken über Hoffnung in dunklen Zeiten

 

Meine Lehrerin Joan P. Wilcox hat in ihrem Blog qentiwasi.com gerade über ein Thema reflektiert, dass immer wieder auch in den Behandlung Thema ist:

Wie bleiben wir in einer Welt,
die sich in radikaler Unordnung befindet, 
zentriert und hoffnungsvoll?

Wie bleiben wir Lichtträger, 
wenn so viel Dunkelheit um uns herum ist?

Ich freue mich daher, ihren Artikel hier als Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen:

Es ist eine berechtigte und dringende Frage. Hier konzentriere ich mich auf eine bestimmte, weit verbreitete Tendenz: Unseren Drang, uns auf das Licht zu konzentrieren und gleichzeitig das Dunkle zu meiden.

Ist diese Fokussierung eine Form von spiritual bypassing?

Bevor ich spiritual bypassing definiere, möchte ich auf die beiden Kernbegriffe eingehen: das Licht und das Dunkel. 

Ich gebe zu, dass es keine leichte Aufgabe ist, sie zu definieren, da viele wichtige Bedeutungsebenen ohne Hierarchie nebeneinander existieren und vom Kontext abhängen. Alles basiert auf zwei Grundsätzen: 

Erstens, dass Licht und Dunkel Aspekte derselben Energie entlang eines Spektrums sind; sie sind Ausdrücke einer einzigen Lebensenergie. 

Zweitens, dass sie nicht gegensätzlich, sondern komplementär sind. Genau wie Oben und Unten oder Rechts und Links hat das eine ohne sein Gegenstück im Paar keine Bedeutung. 

Um es kurz zu machen, vielleicht auf Kosten einer gewissen Vereinfachung, spreche ich im Wesentlichen von spiritueller Positivität und Negativität. 

Spirituell gilt das Licht als eine feine Schwingung und als Zeichen eines entwickelten Bewusstseins; es wird mit Weisheit, Güte, Einheit, Mitgefühl und sogar Heiligkeit in Verbindung gebracht. 

Dunkelheit wird meist als eine niedrige Schwingung oder als Zeichen eines unentwickelten Bewusstseins (oder des unbewussten Schattens) angesehen und mit Unwissenheit, Störung, Korruption, Solipsismus und Ähnlichem assoziiert. 

Es steht uns jedoch frei, diese Begriffe innerhalb derselben komplementären Parameter so zu definieren, wie wir es bevorzugen. Denn ähnlich wie die Wahrnehmung von andinem sami (leichter lebendiger Energie) und hucha (schwerer lebendiger Energie) ist die Wahrnehmung von Licht und Dunkelheit relativ zu unserem eigenen Seinszustand sowie zu unseren persönlichen Überzeugungen, Ethik, Moral und dergleichen. Was also für uns dunkel (oder wie hucha, schwer) ist, mag für andere leichter (oder eher wie sami) sein. 

Und um bei dieser Diskussion ganz ehrlich zu sein: Die meisten von uns haben das Gefühl zu wissen, was das Licht darstellt, wenn wir es sehen oder spüren; dasselbe gilt für die Dunkelheit.

Und so zurück zu spiritual bypassing als die Tendenz, spirituelle Überzeugungen, Perspektiven und Praktiken zu nutzen, um die Konfrontation mit Leid zu vermeiden – unabhängig davon, ob dieses Leid aus schmerzhaften Emotionen, psychischen Wunden oder harten realen Problemen entsteht. 

Der Begriff wurde Anfang der 1980er Jahre von dem Psychotherapeuten John Welwood geprägt. Er verwendete ihn zur Beschreibung eines Verhaltens, das er bei einer Gruppe spirituell Praktizierender beobachtete, die darauf beharrten, sich ungeachtet der Geschehnisse um sie herum auf das Positive zu konzentrieren – meist, um der Auseinandersetzung mit der Realität auszuweichen.

Die Realität ist, dass Menschen unordentliche, komplexe und oft verwirrende Geschöpfe sind. Diese Beschreibung schließt jeden Einzelnen von uns ein. Egal wie sehr wir uns auf das Erwachen oder Aufsteigen konzentrieren, wir können als spirituelle Wesen keine echten Fortschritte machen, solange wir nicht anerkennen und letztendlich Verantwortung dafür übernehmen, inwiefern wir noch weit vom Licht entfernt sind. 

Wahre Resilienz entsteht nicht dadurch, dass wir so tun, als gäbe es die Schatten nicht; sie entsteht durch den Mut, ihnen direkt gegenüberzutreten.

Das Erkennen von spiritual bypassing in unserem eigenen Leben erfordert radikale Ehrlichkeit, da es oft die Maske von elitärer Weisheit trägt. Was spiritual bypassing noch tückischer macht, ist, dass es bei anderen erstaunlich leicht zu erkennen ist, für uns selbst in unserem Inneren jedoch nahezu unsichtbar bleibt. 

Hier sind mehrere klassische Verhaltensweisen und Überzeugungen, die entweder spiritual bypassing darstellen oder leicht den Weg dafür ebnen:

Schicksal über Wille:

Der Glaube, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht oder die Dinge genau so sind, wie sie sein sollten. Diese Sichtweise umgeht eine kritische Überprüfung dessen, wie unsere eigenen Entscheidungen, Handlungen und Überzeugungen unsere Realität formen. Sie tritt unseren freien Willen im Wesentlichen an das Schicksal ab.

Übermäßige Positivität:

Sich ausschließlich auf positive Schwingungen auf Kosten unserer authentischen, vielschichtigen Emotionen zu konzentrieren. Indem wir die guten Schwingungen gegenüber den schlechten aufwerten, verringern wir unsere Fähigkeit, Angst, Sorge, Wut, Beunruhigung, Verzweiflung oder andere „schwere“ Emotionen ehrlich und sicher zu verarbeiten. 

Im Grunde umgehen wir damit die Fülle unseres Menschseins. Das, was wir in uns selbst leugnen, hat nur einen Ort, an den es gehen kann: in unser Unbewusstes, unseren Schatten.

Spirituelle blinde Flecken:

Das Ignorieren deutlicher Warnsignale im Verhalten anderer Menschen – wie Gaslighting (Wahrnehmung des Anderen infrage stellen, er wäre noch nicht spirituell genug), Manipulation oder Täuschung. 

Weil spirituelle Scheuklappen unsere Sichtweise darauf verengen können, nur (oder hauptsächlich) das Licht in anderen zu sehen, neigen wir dazu, selbst das ungeheuerlichste Verhalten auf die großzügigste Weise zu deuten. Wir rationalisieren und räumen anderen einen Vertrauensvorschuss ein, wenn sie ihn gar nicht verdienen – oft zum eigenen Schaden und zum Schaden anderer.

Ritualhandlung als Allheilmittel:

Sich auf Rituale, Zeremonien, Affirmationen und Ähn\-liches zu verlassen, um reale Probleme zu beeinflussen oder zu lösen. Während unsere heiligen Praktiken essenziell sind, kann eine übermäßige Abhängigkeit von ihnen dazu führen, notwendige Handlungen hinauszuzögern. Sie kann uns davon abhalten, uns persönlich an der Schaffung realer Bedingungen zur Umsetzung von Lösungen zu beteiligen.

Hyper-Spiritualisierung der Realität:

Intuition, Inspiration oder Optimismus über eine nüchterne, geerdete Anerkennung dessen zu erheben, „was ist“. Wir neigen dann dazu, abstrakte spirituelle Konzeptualisierungen gegenüber dem gesunden Menschenverstand und der Vernunft zu bevorzugen. So wie wir sowohl physische als auch metaphysische Wesen sind, sind wir sowohl spirituelle als auch rationale Wesen.

Die Elitedenken-Falle:

Der Glaube, dass unsere spirituellen Praktiken, Erfahrungen oder Kenntnisse uns zu etwas „Besonderem“ machen oder uns eine drastisch geschärfte Einsicht oder tiefere Erkenntnis verleihen. Diese spirituelle und egobezogene Über\-höh\-ung äußert sich oft in der Annahme, wir besäßen überdurchschnittliche Wahrnehmungen des Lebens, die die „Unerweckten“ oder der „Durchschnittsmensch“ schlichtweg nicht erfassen können.

Spirituelles Bewerten: 

Das Verkünden von „Wahrheiten“ über den inneren Zustand oder die spirituelle Entwicklung einer anderen Person, um die eigene Meinung über sie zu bestätigen. Ähnlich wie die Elitedenken-Falle verleitet uns diese Tendenz dazu, andere als „alte Seelen“, „junge Seelen“, „Fortgeschrittene“, „Anfänger“ und Ähnliches zu abstempeln oder zu behaupten, dass der Weg anderer „egobasiert“ und nicht „herzzentriert“ sei.

Das Kernproblem


Während sich spiritual bypassing auf die vielen von mir aufgelisteten Weisen und noch zahlreichen anderen zeigt, ist das Kernproblem, das ich genauer unter die Lupe nehmen möchte, unsere Tendenz, das Dunkel – ob wir es nun in uns selbst, in jemand anderem oder in der Welt im Großen und Ganzen wahrnehmen – zu ignorieren, zu leugnen, zu vermeiden oder hart zu verurteilen. Was eine potenziell verwirrende Frage aufwirft: 

Brauchen andere Menschen und die Welt tatsächlich unser Licht?

Viele spirituelle Lehrer und Philosophen würden uns sagen, dass die Antwort ein nachdrückliches Nein ist. Sie sagen, dass wir, wenn wir das Licht in uns selbst kultivieren, dies in erster Linie für unsere eigene Entwicklung tun. 

Betrachten wir ein Metapher, so unvollkommen sie auch sein mag, aus der Natur: Jede Pflanze auf einem Feld wendet sich der Sonne fast ausschließlich auf der Grundlage ihres eigenen, einzigartigen Seinszustands zu, ihrem physischen Zustand, der Beschaffenheit des Bodens, ihrer Position relativ zur Sonne und so weiter. Jede wächst gemäß ihrer eigenen Natur und Notwendigkeit. 

Dies ist die Haltung, die der berühmten Weisheit von Mahatma Gandhi innewohnt: Wir müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen. Unser Licht ist an uns zu kultivieren. Wir haben genug damit zu tun, uns selbst zu entwickeln, ohne uns Sorgen darüber zu machen, wie es allen anderen geht. 

Dennoch steckt in Gandhis Aussage auch der Lohn der Selbstverbesserung: Wie jeder von uns sich selbst kultiviert, bestimmt die Gesundheit und Schönheit des gesamten Feldes. Eine einzelne Pflanze macht noch kein Feld aus. So trägt unsere primäre Arbeit als Individuen zum Zustand des Kollektivs bei. Wenn jeder von uns stark und widerstandsfähig wird, können wir einzeln und kollektiv besser gedeihen – egal ob wir uns in einer fruchtbaren oder einer verwüsteten Umgebung befinden.

Die Welt braucht es von uns, dass wir die spirituelle Seelenstärke kultivieren, das Dunkel zu erfahren, ohne übermäßige Angst zu verspüren; ohne zu versuchen, es zu verbannen, oder in Panik zu geraten. Die eigentliche Praxis besteht darin, zu lernen, das, „was ist“, ohne Vorbehalt zu akzeptieren. Um die Autorin Lysa TerKeurst sinngemäß zu zitieren: Wir müssen nicht die Retter der Welt sein; wir müssen nur bereit sein, mit der Welt in all ihrer wunderschön hässlichen Realität zusammenzusitzen.

Wenn wir uns einseitig dem Licht zuwenden...

machen wir die Dunkelheit zu einem Gegenpol, anstatt sie als Ergänzung zu begreifen. Unser Impuls schlägt in Widerstand um: Wir wollen sie ignorieren, leugnen, uns gegen sie auflehnen oder sie bekämpfen. 

Doch wie uns C.G. Jung, der Begründer des Konzepts des unbewussten Schatten-Ichs, warnt: Wenn wir uns weigern, unsere eigene innere Dunkelheit (und damit auch die der Welt) anzuerkennen oder zu erforschen, verleihen wir ihr Macht über uns: 

„Jeder trägt einen Schatten, und je weniger er im bewussten Leben des Einzelnen verkörpert ist, desto schwärzer und dichter ist er.“ Mit anderen Worten: Was wir an unserer eigenen Schwere, und der der Welt, zu meiden suchen, bleibt nicht nur bestehen, sondern neigt dazu, sich noch zu verstärken.

Wenn wir die Dunkelheit lediglich als Abwesenheit von Licht betrachten, oder irrtümlicherweise als dessen Gegenteil statt als dessen Ergänzung, verkennen wir die Tatsache, dass sie eine ganz eigene Schönheit in sich trägt. Sie ist mit vielen jener tiefgreifenden, lebensspendenden Qualitäten verbunden, die wir auch dem Licht zuschreiben: Schöpfung, Reifung, Fruchtbarkeit, Tiefe, Vorstellungskraft, Inspiration, Wandlung und Offenbarung. 

Hören wir auf, das Dunkle zu umgehen

Dann hören wir auch auf, gegen die Realität anzukämpfen. Wir gewinnen die Freiheit, die Dunkelheit zu erkunden und uns vielleicht sogar spielerisch auf sie einzulassen. Es bedarf einer geradezu schonungslosen Ehrlichkeit, um jene spirituelle Kraft zu erlangen, die es uns ermöglicht, die komplementäre Natur des menschlichen Daseins – mit all seiner Erhabenheit und seinem Leid – gelassen zu erfahren und das „Was-ist“ anzunehmen. Zwar ziehen wir es – ganz natürlich und vernunftgemäß – vor, das Licht zu erleben, doch das Ausweichen vor der Dunkelheit unterdrückt die essenzielle Arbeit der Selbstreflexion. 

Unsere Spiritualität gerät so eher zu einer Verleugnung als zu einer Würdigung unserer komplexen Natur. Auf diese Weise fungiert das „spirituelle Ausweichen“ (spiritual bypassing) bestenfalls als Bewältigungsmechanismus, schlimmstenfalls jedoch als schiere Weigerung, uns auf den Schmelztiegel der Realität einzulassen.

Bereitschaft, in jener Dunkelheit zu verweilen

Der Prozess der spirituellen Wandlung, der oft lediglich oder vorwiegend als Hinwendung zum Licht begriffen wird, erfordert tatsächlich die Bereitschaft, in jener Dunkelheit zu verweilen, die in uns wohnt. Dies ist die sprichwörtliche „dunkle Nacht der Seele“. Es handelt sich um eine Art schamanischen oder mystischen Abstieg – einen Weg, der nicht von Bangigkeit, sondern von Erwartungsvolleit geleitet wird. 

Die Dunkelheit hat, ebenso wie das Licht, ihren Sinn und ihre Funktion. Sie besitzt eine eigene, transformierende Strahlkraft, denn sie ist kein konturloses, steriles Nichts, sondern ein Raum voller Intensität und Kraft. Wenn wir bereit sind, ohne Urteil oder Angst zu erforschen, wie die Dunkelheit in uns wirkt, können wir sie für unsere eigene Entwicklung nutzen – auch wenn dies gewiss kein leichtes Unterfangen ist. Doch je vertrauter uns unsere eigene Dunkelheit wird, desto weniger Gefahr laufen wir, zu verzweifeln, wenn wir ihr bei anderen oder in der Welt begegnen.

Es stimmt, was der verstorbene Wayne Dyer so treffend formulierte: „Man kann das Licht nicht entdecken, indem man die Dunkelheit analysiert.“ Ebenso wahr ist, dass sich die meisten spirituellen Traditionen an der Weisheit von Maharishi Mahesh Yogi orientieren, der lehrte: „Bekämpfe nicht die Dunkelheit – bringe das Licht, und die Dunkelheit wird verschwinden.“ In bestimmten Zusammenhängen stimme ich beiden Ansichten zu. 

Mein eigentlicher Punkt ist jedoch, dass wir weder im Licht leben noch selbst das Licht sein können, wenn wir nicht bereit sind, uns zunächst der Dunkelheit zu stellen. Die Realität ist, dass niemand von uns allein genug Licht bringen kann, um die Dunkelheit der Welt vollständig zum Verschwinden zu bringen. Keine einzelne Gestalt – weder Christus noch Buddha noch Mohammed – besaß genug Licht, um das Dunkel dauerhaft aus unserem menschlichen Dasein zu verbannen. 

Was sie jedoch taten, war, es anzuerkennen, sich ihm zu stellen und uns aufzufordern, dasselbe zu tun. Keiner von ihnen hätte eine spirituelle oder religiöse Revolution ausgelöst, indem er einfach so getan hätte, als existiere das Dunkel nicht; gerade die Spannung zwischen Licht und Dunkelheit ist es, die ihre Philosophien auszeichnet.

Letztlich ist „Spiritual Bypassing“ ein Ausweichen vor – oder eine gänzliche Verweigerung von – jener schwierigen Aufgabe, die hellen wie dunklen Aspekte menschlicher Erfahrung nicht nur zu integrieren, sondern auch zu würdigen. 

Es bedeutet, eine grundlegende Wahrheit über das Selbst und das Universum zu vergessen: Wachstum, Wandlung und jede Form von Bewegung setzen Kontraste voraus. Der Künstler Bob Ross brachte dies im Hinblick auf die Malerei wunderbar auf den Punkt: „Setzt man Licht neben Licht, erhält man nichts. Setzt man Dunkelheit neben Dunkelheit, erhält man nichts. Erst der Kontrast von Licht und Dunkelheit verleiht dem jeweils anderen seine Bedeutung.“ 

Im Grunde ist „Spiritual Bypassing“ eine Form von Sentimentalität. Es fungiert als emotionaler Schutzschild, der uns den Blick auf die ungeschönte Realität verstellt und die wunderbare, bisweilen schmerzhafte Komplexität des Menschseins und unserer Welt auf simple, bequeme Gegensätze reduziert. Auf diese Weise hemmt oder blockiert es unsere Entwicklung, anstatt sie zu fördern.